Die Venus vom Esquilin

Identifizierung als Kleopatra und die Datierung ins 1. Jh. n. Chr.

Kleopatra VII. ist die wohl bekannteste ägyptische Königin und wurde von antiken Autoren ebenso beschrieben, wie in modernen Opern, Gedichten, Gemälden, Büchern und Filmen verewigt. Dabei ist zu bemerken, dass je weiter sich die Autoren von der Zeit  Kleopatras entfernen, desto mehr gewinnen die Geschichten an Details hinzu.
Kleopatra VII. war zur Zeit Cäsars die Königin von Ägypten. 46-44 v. Chr. war sie als Gast Cäsars in Rom. Mit ihm hatte sie auch einen Sohn namens Kaisarion, der jedoch später von Octavian getötet wurde. Nach Cäsars Tod 44 v. Chr. traf Kleopatra 41 v. Chr. zum ersten Mal auf Marcus Antonius, der zu dem Zeitpunkt mit der Schwester Octavians verheiratet war, sich jedoch für Kleopatra von seiner Frau scheiden ließ. Dieser Umstand war für Octavian ein Anlass 33/32 v. Chr. Kleopatra und Marcus Antonius den Krieg zu erklären. Nach der finalen Schlacht bei Actium, welche Octavian 31 v. Chr. gewann, nahmen sich Kleopatra und Marcus Antonius 30 v. Chr. in Alexandria das Leben. Für die Identifizierung der Statue als Kleopatra sprechen einige Details in ihrer Ausarbeitung:

Zunächst ist die Balustervase zu nennen, die auf einem umgestürzten Kästchen gefüllt mit Ro­sen steht. Diese Rosen werden als Isis-Rosen interpretiert (Andreae 2001, 214). Die ‚Rosalia‘ oder ‚Rosaria‘ war das römische Fest an dem die Verstorbenen mit Rosen geehrt wurden (Phillips 2006, 1134-1135). Die Isis-Rosen könnten also ein Hinweis darauf sein, dass die Dargestellte zur Zeit der Erschaffung der Statue nicht mehr am Leben war (Andreae 2008, 102). Ein weiterer Hin­weis auf Ägypten ist die mit Palmblattdekor geschmückte Vase, um die sich das Königstier der ägyptischen Pharaonen, eine Uräusschlange schlingt (Bonnet 1952, 844- 847). Neben der Schlange ist der sog. ‚ptolemäische Nabel‘ ein weiteres Indiz auf die ägyptische Abstammung der Dargestellten (Andreae 200, 34). Eine solche Ausarbeitung des Nabels gibt es bei römischen Statuen in der Regel nicht. Allerdings wurde eine Statue vor Alexandria gefunden, deren Nabel ganz ähnlich herausgearbeitet wurde (Andreae 2006, 36; Yoyotte 2006, 172). Da jedoch auch bei der alexandrinischen Statue Kopf und Plinthe fehlen, ist keine eindeutige Identifizierung möglich (http://antiquities.bibalex.org/Collection/Detail.aspx?lang=en&a=842). Der Isisknoten, der das Gewand an der Schulter hält, deutet daraufhin, dass es sich um eine ägyptische Königin handelt, so könnte es sich möglicherweise um eine Statue von Arsinoë II. handeln (Yoyotte 2006, 172).
Auch die Schaukelfransenfrisur an der Stirn der Venus vom Esquilin ist auffällig. Als Vergleichs­stück lässt sich ein Kopf aus dem Brooklyn Museum of Art anführen (Ashton 2001, 164; https://www.brooklynmuseum.org/opencollection/objects/3799). Bei diesem gibt es eine ein­deutige Ähnlichkeit zwischen der Venus und dem Kopf der auf 305-30 v. Chr. datiert wird und vermutlich aus Ägypten stammt. Eine weitere Besonderheit ist die ‚Gebärfalte‘ am Unterleib der Statue, die anzeigt, dass die Dargestellte kürzlich Mutter geworden ist. Dies könnte ein Hinweis auf den Sohn Kaisarion sein, den Kleopatra Caesar gebar (Andreae 2006, 14).
Es finden sich jedoch auch Details, die nicht so einfach zu erklären sind. In hellenistischer Zeit wurden ptolemäische Herrscher mit einem Diadem, eine einfach um den Kopf geschlungene Binde, dargestellt (Ritter 1965, 6-7). Auf Münzbildern (mit Namensinschrift) und bei (als Kleopatra identifizierten) Portraits trägt sie ein solches Diadem (Weill Goudchaux 2006a, 131-134). Bei der Venus vom Esquilin jedoch ist die Binde, die die Haare zusammenhält, dreimal um den Kopf geschlungen. Die Bewegung der Arme erinnert an das Motiv der Aphrodite Anadyomene, das Anlegen der Binde, mit dem die Statue beschäftigt scheint, erinnert gleich­zeitig an die Diadumene, die Diadem-Anlegende. Beide Bewegungen spielen auf Aphrodite Darstellungen an (Andreae 2006, 14).
Eine weitere Besonderheit, die sich nicht einfache erklären lässt, ist die Nacktheit der Statue. Aus Ägypten sind Statuen bekannt, die wie die Statue aus Alexandria ein dünnes, eng anliegendes Gewand tragen. Zwar ist bei diesen Statuen das Gewand angedeutet, dennoch erscheinen die Statuen wie nackt. Falls es sich bei der Statue um ein Bild der Kleopatra handeln sollte, könnte die Nacktheit auf ägyptische Statuen anspielen (Andreae 2008, 102). Denkbar ist auch eine Darstellung der Kleopatra als Isis-Venus, was die Nacktheit erklären würde (Andreae 2006, 27).
Da es sich nach der Behandlung des Marmors und vor allem der Art der Bohrungen um eine claudische Kopie handelt (Andreae 2001, 212; 2008, 102), muss es in früherer Zeit ein Original gegeben haben. Andreae vermutet als Auftraggeber des Originals Cäsar (Entstehungszeit des Originals dann vor 44 v. Chr.), der aufgrund der antimonarchisch gestimmten Gesellschaft Kleopatra nicht offen als Königin hatte darstellen können. Wohl deshalb blieb es bei Andeutungen wie der Uräusschlange, den Isis-Rosen und der dreifachen Binde als Diadem (Andreae 2006, 31-32). Auch Paul Zanker spricht sich durch den Vergleich mit dem Torso Amelung für ein Original von etwa 50 v. Chr. aus (Zanker 1974, 58). Als Auftraggeber für die Kopie scheint am ehesten Claudius in Frage zu kommen, da dieser seinen Großvater Marcus Antonius verehrte. Außerdem gehörten die Horti Lamiani zum kaiserlichen Besitz, so könnte die Statue hier aufgestellt gewesen sein (Andreae 2006, 40). Zu Claudius als Auftraggeber passen auch die Isis-Rosen, welche Andreae als Hinweis darauf sieht, dass die Dargestellte zum Herstellungszeitpunkt bereits verstorben war (Andreae 2006, 34).

Die Statue zeigt nicht Kleopatra

Es gibt jedoch auch Stimmen, die sich deutlich gegen eine Identifizierung als Kleopatra aussprechen. Als ein Gegenargument wird angeführt, dass sich eine Königin nicht nackt hat darstellen lassen. Außerdem gab es nackte Isis-Statuen nur in kleinerer Form im Begräbniskult, welche jedoch keine Verbindung zu Kleopatra haben (Weill Goudchaux 2006b, 138). Des Weiteren fehlen für eine Identifizierung als Kleopatra VII. die individuellen Züge im Gesicht der Venus vom Esquilin (diese jedoch sieht Andreae in Vergleichen mit den Portraitköpfen aus Berlin und dem Vatikan; vgl. Parlasca 1966, 304; Weill Goudchaux 2006b, 139). Außerdem hätte eine Darstellung der Kleopatra in der Art der Venus vom Esquilin den römischen Senat verärgert, was Cäsar nicht riskieren wollte, aus diesem Grund kann ein Vorbild der Statue nicht im Tempel der Venus Genetrix auf dem Forum Iulium gestanden haben (Weill Goudchaux 2006b, 140). Für Andreae ist das dreifache Haarband der Venus eine Art verstecktes Diadem, welches nur ‚dem Wissenden‘ (Andreae 2006, 32) auffällt. Tatsache ist jedoch, dass eine derartige Darstellung eines Diadems bei keiner anderen Darstellung hellenistischer Herrscher auftritt (Wagner 2017, 36).

Datierung ins 2. Jh. n. Chr.

Nach der Feststellung Häubers handelt es sich bei der Venus vom Esquilin nicht um eine claudische Kopie, sondern um eine hadrianisch-antoninische Neuschöpfung. So sollen der Kopf, der Torso und die Stütze von verschiedenen Vorbildern stammen und wurden im 2. Jh. n. Chr. zu einem Kunstwerk zusammengeführt (Häuber 1988, 45). Das Gesicht trägt ähnliche Züge wie Bildnisse des Kaisers Hadrian in der Villa Hadriana und in Ostia (Häuber 1988, 50). Die Schaukelfransen, welche Andreae als Parallele zu dem Kopf einer Königin sieht (Andreae 2006, 31), vergleicht Häuber mit den ‚Rollen eines Haardiadems‘ an einem Portrait im Museo Capitolino (Häuber 1988, 53). Sandalen ähnlich denen, die die Venus trägt, tragen auch Statuen der Faustina Minor und des Dionysos Jacobsen, welche beide in das 2. Jh. n. Chr. datiert werden (Häuber 1988, 55). Dass das Gefäß mit der Uräusschlange nicht unbedingt auf die Identität der Statue hindeuten muss, beweisen Abbildungen von ähnlichen Gefäßen auf spätantiken Münzen, auf denen Isis und Serapis und ein Gefäß mit Schlange abgebildet sind (Häuber 1988, 57). Außerdem gibt es Darstellungen von ähnlichen Gefäßen beispielsweise auf dem Trajansbogen in Benevent oder auf einem Fries am Tempel der Faustina und des Antoninus Pius (Häuber 1988, 57-58). Das Dekor spricht also nicht für die Darstellung einer Königin, sondern ist nur ägyptisierend (Häuber 1988, 58). Dieses Argument führt auch Weill Goudchaux an, da es, als das Vorbild entstand, eine ‚Ägypten-Mode‘ in Rom gab (Weill Goudchaux 2006b, 138). Für das Kästchen gibt es bis auf die kleine heute verschollene Replik keine Vergleichsstücke, die eine Identifizierung als Kleopatra zulassen (Häuber 1988, 60), jedoch werden Blüten an flavischen bis antoninischen Denkmälern dargestellt (Häuber 1988, 63). Wagner weist daraufhin, dass das umgestürzte Kästchen nicht allein für eine derartige Interpretation ausreicht (Wagner 2017, 27-28). Auch die Tatsache, dass das Haarband nicht die Form eines Diadems hat, spricht nicht unbedingt für eine Identifizierung als Herrscherin.
Durch die Ähnlichkeiten zu den Statuen aus der Zeit des Hadrian kommt Häuber auf eine Datierung die in das 2. Jh. n. Chr. fällt (Häuber 1988, 45). Sie schlussfolgert, dass es sich bei der Statue um eine Darstellung der Isis-Aphrodite handelt (Häuber 1988, 64). Auch die Funktion der Statue bleibt weiter ungeklärt (Häuber 1988, 64). Da die Statue im Bereich der Horti Lamiani gefunden wurde, sieht auch Häuber den Auftraggeber für die Statue in den Reihen des Kaiserhofes (Häuber 1988, 64).

Fazit

Um wen es sich bei der Dargestellten handelt, kann nicht abschließend geklärt werden. Nicht von der Hand zu weisen ist die Ähnlichkeit der Frisur mit der des Kopfes aus Brooklyn. Da dieser auf 305-30 v. Chr. datiert wird, scheint eine mögliche Datierung des Originals für die Venus vom Esquilin ins 1. Jh. v. Chr. nicht abwegig. Die anderen Hinweise auf eine mögliche Identität der Dargestellten lassen sich jedoch je nach Standpunkt auslegen. So ist für einige die Uräusschlange ein eindeutiger Hinweis auf eine ägyptische Königin, für andere jedoch nur ein Dekor, welcher aus einer herrschenden Mode entstanden ist.
Nicht nur die Frage wer die Dargestellte ist, sondern auch die Frage nach den Auftraggebern des Originals und der Kopie können nicht endgültig geklärt werden. Auf dem Forum Iulium weihte Cäsar 46 v. Chr. einen Tempel der Venus Genetrix. In diesem soll nach der Überlieferungen des Appians eine Statue der Venus Genetrix gestanden haben, neben der ein Abbild von Kleopatra stand, welches von Cäsar gestiftet wurde (Appian 2, 102). Cassius Dio berichtet, dass es eine goldene Statue der Kleopatra in dem Tempel gab, die auch nach dem Sieg über Kleopatra noch stehen blieb (Cass. Dio. 51,22,3). Die Statue, die Cäsar weihte, soll von dem Bildhauer Arkesilaos geschaffen worden sein (Plin. Nat. Hist. 35, 156). Hier ist noch anzumerken, dass auch nach dem Tod Kleopatras offenbar ihre Statuen nicht zerstört wurden, sondern in Rom noch weiter zugänglich waren. Nach Plutarch soll Archibius eine hohe Bestechungssumme gezahlt haben, damit ihre Statuen nicht zerstört wurden (Plut. Ant. 86, 5). Möglicherweise beabsichtigte Octavian durch die Erhaltung der Statuen auch eine Darstellung der Frau, der er widerstanden hatte, die er dem römischen Volk jedoch durch ihren vorzeitigen Selbstmord nicht hatte präsentieren können (Andreae 2008, 103). Ob es sich bei der Venus vom Esquilin um eine Kopie dieser Statue handelt, bzw. ob Kleopatra überhaupt nackt im Tempel dargestellt wurde, kann durch fehlende Inschriften und zu wenig eindeutige Hinweise nicht abschließend geklärt werden.

Literatur

    • Andreae 2008: B. Andreae, Ist die sogenannte Venus vom Esquilin ein Körperportrait der unbekleideten Kleopatra?, in: D. Zapheiropoulou (Hrsg.), Amicitiae Gratia. Tomos stē mnēmē Alkminis Stavridis (Athen 2008) 97-104
      Andreae 2006: B. Andreae, Kleopatra und die sogenannte Venus vom Esquilin, in: B. Andreae – K. Rhein (Hrsg.), Kleopatra und die Caesaren (Hamburg 2006) 14-47
    • Andreae 2001: B. Andreae, Skulptur des Hellenismus (München 2001) 211-219
    • Andreae 1998: B. Andreae, Schönheit und Realismus. Auftraggeber, Schöpfer Betrachter hellenistischer Kunst (Mainz 1998) 245-250
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    • Curtius 1933: L. Curtius, Kleopatra VII. Philopator, RM 48, 1933, 182-243
    • Glori 1955: L. Glori, Cleopatra. Venere Esquilina (Rom 1955)
    • Häuber 1988: R. C. Häuber, Zur Ikonographie der Venus vom Esquilin, KölnJb 21, 1988, 35-64
    • Jones 1926: H. S. Jones, A Catalogue of the ancient sculptures preserved in the municipal collections of Rome. The sculptures of the Palazzo dei Conservatori (Oxford 1926)
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    • Parlasca 1966: K. Parlasca, Sogenannte Venus vom Esquilin, in: W. Helbig, Die Städtischen Sammlungen. Kapitolinische Museen und Museo Barracco (Tübingen 1966) 304-305
    • Pasquier 1985: A. Pasquier, La Vénus de Milo et les Aphrodites du Louvre (1985) 50-51
    • Philips 2001: DNP III (2001) 1134-1135 s. v. Rosalia. (C. R. Phillips)
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    • Vierneisel 1980: K. Vierneisel, Die Berliner Kleopatra, JbPreussKul 22, 1980, 5-33
    • Visconti 1875: C. L. Visconti, Di una statua di Venere rinvenuta sull‘Esquilino, Bullettino dell Commisione Archeologica Comunale di Roma 3, 1875, 16-28
      Wagner 2017: S. E. A. Wagner, The Esquiline Venus. A New Approach (Norderstedt 2017)
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    • Weill Goudchaux 2006b: G. Weill Goudchaux, Die Venus vom Esquilin ist nicht Kleopatra, in: B. Andreae – K. Rhein (Hrsg.), Kleopatra und die Caesaren (Hamburg 2006) 138-141
    • Yoyotte 2006: J. Yoyotte, Schön wie Aphrodite. Eine ptolemäische Königin, in: F. Goddio – M. Clauss (Hrsg.), Ägyptens versunkene Schätze (Berlin 2006), 172-175
    • Zanker 1974: P. Zanker, Klassizistische Statuen. Studien zur Veränderung des Kunstgeschmacks in der römischen Kaiserzeit (Mainz 1974)

Internetquellen
https://www.brooklynmuseum.org/opencollection/objects/3799
http://antiquities.bibalex.org/Collection/Detail.aspx?lang=en&a=842
http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/53322
http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/20413
http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/602003
http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/16519

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