Die Venus vom Esquilin

 

Kopfreplik der Venus vom Esquilin, Gipsabguss-Sammlung Hamburg (Foto: UHH/N. Kemmer)

Wer ist die Frau, die heute als Statue der Venus vom Esquilin bekannt ist?
Deutungen zu der Statue, einer claudischen Kopie aus dem 1. Jh. n. Chr. die 1874 auf dem Esquilin gefunden wurde, gibt es einige. So wird sie als Kleopatra oder einfach als Badende angesprochen. Der Name Kleopatra ist bis heute von einem Mythos umgeben. Sie war die Frau, die sowohl Cäsar als auch Marc Anton betörte und schließlich Selbstmord beging, vermutlich um der Demütigung durch Octavian (später Kaiser Augustus) zu entgehen.
Bereits in der Antike erfuhr Kleopatra eine breite Rezeption. Im römischen Reich wurde sie von verschiedenen Autoren meist im Zusammenspiel mit Cäsar, Marc Anton und Octavian genannt. Doch auch in der nachantiken Welt. Bis heute spielt sie eine große Rolle, so gibt es diverse Verfilmungen, Bücher, Theaterstücke und Gemälde in denen sie eine zentrale Rolle einnimmt.
Dass auch Kleopatra in der Antike bereits in diversen Statuen dargestellt gewesen sein dürfte scheint unstrittig, doch wie wahrscheinlich ist es, das sich eine Königin nackt darstellen ließ? Oder handelt es sich bei der Statue um eine Huldigung der Königin aus späterer Zeit, vielleicht von einem ihrer Verwandten? Oder handelt es sich bei der Dargestellten einfach um eine Badende, die im Moment des Bades abgebildet wird?

Bei der sog. Venus vom Esquilin (http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/16519) handelt es sich um eine (mit Plinthe) 1,55 m hohe nackte Frauenstatue, die nur an den Füßen Riemensandalen trägt. Ihr rechtes Bein ist durchgedrückt, während das linke leicht angewinkelt und nach hinten versetzt ist, sodass die Ferse den Boden nicht berührt. Die Hüfte ist leicht eingeknickt und die rechte Schulter nach unten geneigt. Der Kopf ist nach rechts gedreht und leicht gesenkt. Die Haare werden von einer Stoffbinde, welche dreimal um den Kopf geschlungen ist, nach hinten gehalten. Am Hinterkopf sind sie zu einem Knoten zusammengefasst. An diesem sind auch noch Reste der Finger der linken Hand erhalten. Auf der rechten Seite der Statue steht als Stütze ein, mit einem Tuch bedecktes, Gefäß mit Palmblattdekor auf einem kleinen Kästchen. Das Kästchen unter dem Gefäß ist auf die Seite gekippt und man erkennt die Blüten in seinem Inneren. Das Gefäß ist mit einer Schlange verziert, die sich um dieses herum schlingt.  Die Arme sind knapp unter der Schulter abgebrochen und nicht erhalten, an der Nase und den Zehen fehlen kleine Teile.
Die Statue der unbekleideten Frau ist, nach Neumer-Pfau, bis auf die Frisur im Schema der „nackten Aphrodite Anadyomene“ gehalten. Hierbei handelt es sich um die Darstellung einer unbekleideten Frau, welche beide Arme erhoben hat und sich ins Haar greift. Die rechte Schulter und Hüfte sind durch die Armhaltung geneigt. Das linke Bein ist leicht eingeknickt und nach vorn verschoben, so dass die linke Ferse leicht angehoben ist. Die Oberschenkel sind eng zusammengepresst (Neumer-Pfau 1982, 201-203).

Fund- und Forschungsgeschichte

Die Venus wurde im Dezember 1874 mit weiteren Statuen und Münzen auf dem Esquilin in den Horti Lamiani gefunden (Cima 1986, Seitenzahl; Häuber 1988, 35). Zur Zeit des Fundes war die Statue in drei Teile zerbrochen: den Kopf, den Torso mit ihren Oberschenkeln und die Stütze mit den Unterschenkeln (Andreae 2006, 14). Heute wird sie in den Kapitolinischen Museen ausgestellt.
Das Gebiet in dem die Statuen gefunden wurden, wird den Horti Lamiani zugeordnet. Die Gärten waren spätestens seit Caligula im Besitz des Kaiserhofes (Häuber 1990, 103). Philon aus Alexandria beschreibt die Gärten im Zuge seiner Reise nach Rom. Aus diesem Bericht ist bekannt, dass die Horti Lamiani neben den Horti Maecenatis auf dem Esquilin lagen (Philon, legat ad Gaium, 351). Auch Sueton nennt die Gärten im Zuge der Aufbahrung des verstorbenen Caligulas (Suet. Cal., IV, 59). Zunächst wurde die Statue in einem Bericht kurz nach ihrer Auffindung in einem kurzen Artikel veröffentlicht (Visconti 1875). Ausführlich beschrieben wurde sie durch Henry Stuart Jones in seinem Katalog über die Stücke im Konservatorenpalast (Jones 1926). Eine erste Deutung der Statue als Kleopatra VII. unternahm Licinio Glori (Glori 1955), diese Identifizierung übernahmen auch Paolo Moreno (Moreno 1994) und Bernard Andreae (Andreae 1988. 2001. 2006 und 2008). Eine Identifizierung als Isis-Aphrodite und eine deutlich spätere Datierung wurde von Ruth C. Häuber 1988 vorgeschlagen (Häuber 1988). Auch Guy Weill Goudchaux sprach sich gegen eine Identifizierung als Kleopatra aus (Weill Goudchaux 2006b). Zuletzt versuchte sich Stefan E. A. Wagner an einer neutraleren Deutung und Einordnung der Statue (Wagner 2017).
Diese verschiedenen Deutungs- und Datierungsvorschläge sollen im Folgenden zusammengefasst dargestellt werden.

Vergleichsstücke

Vergleichsstücke zur Venus vom Esquilin finden sich zum einen in dem Fragment einer Replik, welches heute verschollen ist (http://arachne.uni-koeln.de/item/marbilderbestand/819898). Erhalten sind von dieser nur die Plinthe mit den Füßen und die Stütze, die aus einem aufrecht stehenden Kästchen und einem darauf platziertem Gefäß besteht, über welches ein Tuch gelegt ist. Die Füße der Statuette stecken in ähnlichen Riemensandalen wie die der Venus vom Esquilin. Das Dekor des Gefäßes stimmt mit dem der Venus vom Esquilin überein (Andreae 2006, Abb. 20 und Abb. 27).
Eine weitere Kopie findet sich in einem Torso, der heute im Louvre in Paris aufbewahrt wird (Pasquier 1985, 50-51; http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/602003). Da hier jedoch die Arme, Beine, Plinthe und der Kopf fehlen, trägt diese Kopie nicht zur genaueren Benennung oder Einordnung bei. Jedoch ist zu erkennen, dass die Haare bei dieser Statue nicht so wie bei der Venus vom Esquilin frisiert waren, da noch Locken im Nacken erhalten sind (Häuber 1988, 49; Andreae 2006, Abb. 19).
Für eine Identifizierung als Kleopatra führt Andreae Köpfe aus Berlin (Andreae 2006, Kat. 2), dem Vatikan (Andreae 2006, Kat. 3) und Brooklyn (Ashton 2001, 164) an. Der Kopf aus Berlin wurde als Kleopatra VII. identifiziert, er stammt vermutlich aus Arricia und wurde um 31 v. Chr. erschaffen (Andreae 2006, 23; http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/53322). Das Portrait trägt ein Diadem in der Lockenfrisur und auf den Haaren sind noch Reste einer Purpurgrundierung für eine Vergoldung zu erkennen (Vierneisel 1980, 5-33). Die Ähnlichkeiten des Portraits zu Münzbildnissen aus der Zeit von 50-38 v. Chr. (Weill Goudchaux 2006, 130-135), welche Kleopatra mit Diadem zeigen, grenzen die Datierung auf die Mitte des 1. Jh. v. Chr. ein.
Auch der Kopf aus dem Vatikan ist mit einem Diadem ausgestattet (http://arachne.uni-koeln.de/item/objekt/20413). Er wurde 1784 in Rom gefunden (Curtius 1933, 184-192). In der Mitte über der Stirn sitzt ein Haarknoten, diesen gibt es auch bei anderen Portraitköpfen (Andreae 2006, Kat. 4). Eine solche Darstellung gibt es auf den Münzen nicht. Da jedoch die Gesichtszüge mit denen auf den Münzen übereinstimmen, identifizierte Curtius auch diesen Kopf als Kleopatra VII. (Curtius 1933, 188).

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