Die Tyrannentöter-Gruppe als Symbol der Demokratie

Aufstellungsort der Statuengruppe(n)

Der genaue Aufstellungsort der Statuengruppen auf der Agora ist nur noch über die antiken Schriftquellen nachzuvollziehen. Zum Aufstellungskontext wird uns neben der Angabe Agora noch von Timaeus berichtet, dass die Gruppe nahe des Ares-Tempels in der sog. orchestra gestanden haben soll (Tim. Lex. Voc. Plat. ). Arrian beschreibt die Position nahe einer Straße, die zur Akropolis führt, und auf der anderen Seite des Metroons (Arr. Anab. 3, 16, 7 f.). Pausanias beschränkt zudem den Aufstellungsort, indem er angibt, dass sich die Statuengruppe zwischen dem Ares-Tempel und dem Odeion befindet (Paus. 1, 8, 4−6). Die beiden Gruppen, also sowohl die des Antenor, als auch die des Kritios und des Nesiotes sollen sich nach Pausanias außerdem nahe beieinander befunden haben (Paus. 1, 8, 5). Bei der Agora handelt es sich bekanntlich um den politisch wichtigsten Treffpunkt Athens, auf der bis 393 v. Chr. die Tyrannentöter-Gruppen als einzige Ehrenstatuen standen. Umgeben waren sie von Bauten und Denkmälern, die auf die militärische Sieghaftigkeit, die Befreiung der Polis durch innere und äußere Feinde, den allgemeinen Frieden und Wohlstand und die Aufrechterhaltung der traditionellen politischen Ordnung Bezug nehmen (zur Agora in hellenistischer Zeit siehe Krumeich – Witschel 2009, 173−226). Nur mit besonderer Genehmigung, wie wir aus öffentlichen Dekreten (IG II Nr. 450 b, Il. 10) wissen, durften später weitere Ehrenstatuen, wie z. B. die von Antigonos und seinem Sohn Demetrius, der 307 v. Chr. Athen von Demetrios von Phaleron befreite , oder solche der Caesarmörder Brutus und Cassius , neben sie gestellt werden (Krumeich – Witschel 2009, 201−209). Diese Gruppen wurden somit durch ihre Taten mit den Tyrannentötern Harmodios und Aristogeiton gleichgesetzt.

Die Tyrannentöter-Gruppe war also alles andere als das einzige Denkmal auf der Agora, das mit der Demokratie in Verbindung gebracht wurde. Sie hatte allerdings einen hohen Stellenwert, was sich nicht nur an den zahlreichen Erwähnungen der Statuengruppe in den schriftlichen Quellen ablesen lässt, sondern auch an dem Dekret zum Aufstellungsverbot in ihrer unmittelbaren Nähe.

Lieder und Riten zu Ehren der Helden

Den Tyrannentötern kam besondere Ehre zu. So wurde in dem Eid des Demophantos-Psephisma festgelegt, dass ein athenischer Bürger, der sich gegen Tyrannen auflehnt ‚wie Harmodios und Aristogeiton‘ es getan hatten, die Hälfte des Verkaufspreises des Eigentums des Opfer zukommen würde, sofern der Bürger am Leben bliebe. Sollten er sterben, würde ihm und seinen Kindern das gleiche zukommen, das Harmodios und Aristogeiton zugestanden hätte (Teegarden 2014, 32−34). Aristoteles und Philostratos berichten zudem von Festivitäten, die für den Verdienst von Harmodios und Aristogeiton veranstaltet wurden (Arist. Ath. Pol. 58, 1; Philostr. VA 7, 4, 3). Aufgrund einer möglicherweise falschen Abschrift des Textes kam es in der Forschung zu der Auffassung, dass die Festivitäten nach Aristophanes während der Epitaphia und nicht, wie bei Philostratos beschrieben während der Panathenaia stattfänden (zur Diskussion um die betreffende Textstelle und weitere Literaturangaben dazu siehe Shear 2012, 108). Wie J. L Shear bereits anmerkte, ist die Überlieferung von Philostratos insofern umso wichtiger für unser Verständnis der Statuengruppe und Ihrer Bedeutung, als dass sie uns zeigt, dass die Panathenäischen Spiele bis ins 3. Jh. n. Chr. noch fest mit den Tyrannentötern verbunden wurden (Shear 2012, 117).  Demosthenes und Cicero verbinden die Lieder, die den Helden zu Ehren gesungen wurden, zudem mit diesen Festivitäten (Dem. 19, 280; Cic. Mil. 80). Über die statuarische und keramische Wiedergabe der Tyrannentöter hinaus, gehören Kulthandlungen also zum großen Teil zur Erinnerungskultur der beiden Helden. Die Verbindung zu den Panathenaia lässt die Erinnerung der Tat beider Gefährten in regelmäßigen Intervallen wiederaufleben und sie so noch Jahrhunderte nach ihrem Ableben immer wieder in die Öffentlichkeit treten.

Die Raubzüge der Perser

Die Perser entwendeten oder zerstörten bei ihren Raubzügen eine Vielzahl an Statuen und Athen war nur eine von mehreren Städten die darunter zu leiden hatten. Unter anderem zerstörten die Perser die Apollon-Tempel in Eretria, Abae und Didyma und die Kultbilder der Artemis von Brauron, des Apollo von Didyma und des Marduk von Babylon (Kousser 2009, 267 f.). Wie bereits Kousser und Bahrani feststellten, gingen die Perser bei der Wahl der zerstörten Objekte nicht unbedacht vor, sondern griffen sich gezielt die Kultbilder, der für die Bewohner der jeweiligen Städte, bedeutendsten Heiligtümer heraus (Kousser 2009, 268; Bahrani 1995, 377 f.; Zu der Verbindung zwischen der physischen Form der Statue und der Person/Gottheit, die sie repräsentieren soll, siehe Bahrani 1995, 376 f.). Mit dem Kultbild wurde nicht weniger verbunden, als die Person oder Gottheit, die sie repräsentieren sollte, womit die Zerstörung nicht allein auf materieller, sondern vielmehr auf ideeller Sphäre erfolgen sollte. Anders verhält es sich jedoch mit der Statuengruppe der Tyrannentöter, die anders als die eben genannten Beispiele nicht zerstört, sondern geraubt und darüber hinaus solange verwahrt wurde, dass sie von Alexander dem Großen oder einem der Diadochen ein Jahrhundert später nach Athen zurückgebracht werden konnte. Somit wurde nicht nur von den Persern der Statuengruppe eine besondere Bedeutung zugesprochen, sondern auch von dem Herrscher, der sie zurückgab, womit die Frage gestellt werden muss, um welche Bedeutung es sich dabei handelt.

Schlussfolgerungen

Von den Athenern wurden Harmodios und Aristogeiton in Liedern und durch Riten als Wegbereiter für die Demokratie geehrt und die Statuengruppen zu diesem Anlass aufgestellt, obwohl noch vier Jahre vergehen sollten bis der herrschende Tyrann ins Exil getrieben wurde und noch weitere 2 ½ Jahre bis zu den Kleisthenischen Reformen, die die Demokratie besiegelten. Auf der Keramik, die ihre Gesichter trug, konnte ihre Geschichte wie auch in der statuarischen Ausgestaltung wiedergegeben werden, wie z. B. auf der Panathenäischen Preisamphora, oder durch die Figur des Hipparchos ergänzt werden. Dadurch verschmälert sich der Symbolgehalt, wenn man mit der Deutung Brunnsåkers übereinstimmt, dass die Statuengruppe durch die fehlende Opferfigur alle Tyrannen ansprechen konnte, die hiermit abgewehrt werden sollten. Die Festivitäten zu Ehren der Beiden unterstützten nicht nur die Erinnerungskultur Athens und seiner Bewohner, sondern auch die Verbreitung der Geschichte der Heldentat von Harmodios und Aristogeiton, wodurch sie auch außerhalb Athens den Status der Begründer der Demokratie erhielten. Dadurch ist es nur naheliegend, dass die Perser statt eines Kultbildes die Ehrenstatuengruppe der Tyrannentöter als bedeutendes Denkmal bei ihren Raubzügen mitnahmen.

 Literatur

  • Azoulay 2017: V. Azoulay, The Tyrant-Slayers of ancient Athens. A tale of two statues (New York 2017)
  • Bahrani 1995: Z. Bahrani, Assault and Abduction. The Fate of the Royal Image in the Ancient Near East, Art History 18. 3, 1995, 383−382
  • Brunnsåker 1971: S. Brunnsåker, The tyrant-slayers of Kritios and Nesiotes. A critical study of the sources and restorations (Stockholm 1971)
  • Buschor 1940: E. Buschor, Die Tyrannen-Mörder, SBMünchen 5, 1940, 3−31
  • Fehr 1984: B. Fehr, Die Tyrannentöter oder: Kann man der Demokratie ein Denkmal setzten? (Frankfurt am Main 1984)
  • Kousser 2009: R. Kousser, Destruction and Memory on the Athenian Acropolis, ArtB 91, 3, 2009, 263−282
  • Krumeich – Witschel 2009: R. Krumeich – C. Witschel, Hellenistische Statuen in ihrem räumlichen Kontext, in: A. Matthaei – M. Zimmermann (Hrsg.), Stadtbilder im Hellenismus (Berlin 2009) 173−226
  • Lotze 2007: D. Lotze, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zum Hellenismus 7(München 2007)
  • Shear 2012: J. L. Shear, The Tyrannicides, their cult and the Panathenaia. A note, JHS 132, 2012, 107−119
  • Strocka 1999: V. M. Strocka, Kunstraub in der Antike, in: V. M. Strocka (Hrsg.): Kunstraub – ein Siegerrecht? Historische Fälle und juristische Einwände (Berlin 1999) 9−26
  • Teegarden 2014: D. A. Teegarden, Death to the Tyrants! Ancient Greek Democracy and the struggle against Tyranny (Princeton 2014)
  • Washburn 1918: O. M. Washburn, The Vivenzio Vase and the Tyrannicides, AJA 22, 1918, 146−153 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.