Die Tyrannentöter-Gruppe als Symbol der Demokratie

Im Jahr 514 v. Chr. sollen die beiden Athener Harmodios und Aristogeiton den schriftlichen Quellen nach Hipparchos, den Bruder des Tyrannen Hippias, während der Panathenäen, dem athletischen Fest, das alle vier Jahre stattfand und zu dem Athleten und Besucher aus ganz Griechenland teilnahmen, getötet haben und selbst an diesem Tag ums Leben gekommen sein, woraufhin die Athener für die beiden Verstorbenen eine Statuengruppe errichten ließen (zu den historischen Ereignissen, siehe Hdt. 5, 55−58). Die Tyrannis, die Herrschaft von Einzelnen, fand in Athen bereits im 7. Jh. v. Chr. kurzzeitigen Einzug und wurde unter Peisistratos, dem Vater von Hippias und Hipparchos, um 560 v. Chr. wieder aufgenommen (Lotze 2007, 42. 46 f.).

Bei den in den Museen ausgestellten  Statuengruppen handelt es sich um Repliken des zweiten, zu ihren Ehren auf der Agora Athens errichteten Standbildes der Bildhauer Nesiotes und Kritios,, die meist im  Gipsabguss oder Marmor gefertigt sind, während das ursprüngliche Original in Bronze gegossen war (zu der Statuengruppe von Kritios und Nesiotes siehe: Paus. 1, 8, 5). Von den Kopien befindet  sich die besterhaltene im Museo Archeologico Nazionale di Napoli befindet (https://www.museoarcheologiconapoli.it/en/sculptures/, letzter Zugriff: 23.08.2018). Die erste, vom Bildhauer Antenor geschaffene Gruppe wurde bei den Raubzügen, die sich an die Perserkriege um 480 v. Chr.  anschlossen, vom achämenidischen Großkönig Xerxes I. mitgenommen und erst unter Alexander dem Großen oder einem der Diadochen, Alexanders Generäle und Nachfolger, nach Athen zurückgebracht und durch den bekannten Bildhauer Praxiteles restauriert (Plin.  Nat. 34, 70). Da es nach altorientalischem Brauch üblich war, das Kultbild einer Stadt bei Raubzügen mitzunehmen, spricht sich V. M. Strocka dafür aus, dass die Statuengruppe nicht wegen ihres Kunstwertes, sondern wegen ihres Wertes als ‚identitätsstiftende(s) Denkmal‘ von Xerxes und den Persern mitgenommen wurde (Strocka 1999, 13). Um das Ehrendenkmal zu ersetzen wurde 477/6 v. Chr. die zweite Gruppe aufgestellt. Harmodios und Aristogeiton wurden mit diesen Monumenten, aber auch mit Riten und Trinkliedern als Wegbereiter der Demokratie gefeiert, obwohl der Tyrann Hippias erst 4 Jahre nach ihrer Tat von den Athenern vertrieben werden konnte und die Demokratie erst mit den Kleisthenischen Reformen 501/0 v. Chr. in Athen Einzug hielt (Brunnsåker 1971, 23; Azoulay 2017, 23).

Diese Marmorrepliken des Aristogeiton und Harmodios tauchen erstmals auf Zeichnungen von Marten van Heemskerck aus dem Jahr 1535 auf, auf denen die 1,85 m hohen Statuen in der Loggia des Palazzo Medici-Madama aufgestellt waren, den die Medici 1505  in Rom errichten ließen (Brunnsåker 1971, 47). Die Medici gehörten durch die Großherzöge der Toskana, die aus ihnen hervorgingen, zu den einflussreichsten Familien des 15. bis 18. Jh. in Rom (http://www.medici.org/mediceo-del-principato-2/, letzter Zugriff: 21.10.2018). Nach dem Tod von Alessandro Medici im Jahr 1537 ging der Besitz an seine Frau Margerete von Österreich über, die ein Jahr später Ottavio Farnese heiratete, den späteren Herzog von Parma. Dieser ließ nach ihrem Tod 1586 die Antiquitäten aus dem Palazzo Madama in den Palazzo Farnese transferieren, wo sie bis kurz vor 1790 bleiben sollten (Brunnsåker 1971, 47). Die Statuengruppe von Harmodios und Aristogeiton wurde mit weiteren Exponaten vom König von Neapel, ebenfalls Herzog von Parma, nach Neapel überführt, wo sie bis heute stehen (Brunnsåker 1971, 47). Erstmals erschien 1940 von E. Buschor eine umfangreiche Untersuchung der Tyrannentöter-Gruppe, die sich vor allem der unbestimmten Aufstellung des Denkmals widmete (Buschor 1940). Auch in den weiteren Untersuchungen, von denen vor allem die von S. Brunnsåker zu nennen wäre, die sich durch eine eingehendere Untersuchung der antiken Schriftquellen und der archäologischen Quellen mit der Ikonographie der zweiten Gruppe auseinandersetzt, wurde die Gruppe in ihrem unmittelbarem Kontext betrachtet (Brunnsåker 1971). B. Fehr legte bereits einen gesonderten Fokus auf das Denkmal als Symbol der Demokratie, wobei er vor allem die Bedeutung der Statuengruppe für die Athener unter diesem Aspekt untersucht (Fehr 1984). Die neuste Publikation zu den Tyrannentötern wurde von V. Azoulay vorgelegt, der sich in seiner Monographie auf die Rezeption der Standbilder von der Antike bis in die Moderne fokussiert und sie in drei histographische Dimensionen einordnet: die mythopoetische, die politische und die sexuelle Dimension (Azoulay 2017).

Die Frage, die sich daran anschließt ist, warum gerade die Statuengruppe der sog. Tyrannentöter von den Persern mitgenommen wurde und nicht, wie üblich, eine Kultstatue, wie es sie in Athen zur Genüge gegeben hätte. Warum wurde genau diese Statuengruppe als das Symbol der Demokratie Athens angesehen, dessen Abwesenheit die Polis am meisten treffen sollte?

Um der Beantwortung der Frage näher zu kommen, müssen die archäologischen Zeugnisse und die antiken Überlieferungen betrachtet und ausgewertet werden. Im Folgenden sollen daher erst einmal die archäologischen Funde vorgestellt und gegeneinander gestellt werden. Anschließend wird die Statuengruppe in den archäologischen Befund eingeordnet und die Schlüsse, die daraus gezogen werden können, vorgestellt. Ein weiterer Fokus wird auf die Riten und Lieder, die Harmodios und Aristogeiton zu ehren inszeniert und dargebracht wurden, gelegt, da diese ausschlaggebend für die Sicht anderer Kulturen auf die Tyrannentöter sind. Zum Schluss sollen die Raubzüge der Perser und ihr Vorgehen näher beleuchtet werden und dann in einer abschließenden Betrachtung die einzelnen Untersuchungen zu einem  Fazit zusammengeführt werden. 

Die archäologischen Zeugnisse

Die Statuengruppe (Abb. 1) besteht aus den beiden nackt dargestellten Angreifern Harmodios und Aristogeiton, die sich auf das imaginäre Opfer zubewegen. Harmodios ist wie in den schriftlichen Quellen beschrieben, jugendlich dargestellt, schreitet mit dem rechten Bein voran und hat den rechten Arm erhoben, wobei der Unterarm bei der Neapel-Gruppe falsch rekonstruiert wurde. Dieser gehört nicht erhoben, sondern ist hinter dem Kopf des jugendlichen Angreifers zum Schlag ausholend zu rekonstruieren (zur Rekonstruktion des Arms siehe Brunnsåker 1971, 64). Das höhere Alter des Aristogeiton wird durch den Bart wiedergegeben, der mit dem linken Bein und linken Arm voran vorwärts schreitet. Auch bei dem Aristogeiton wird der nach vorn gestreckte Arm wegen einiger Abbruchspuren am linken Oberschenkel weiter nach unten gesenkt rekonstruiert (vgl. Brunnsåker 1971, 50). Wenn man Vasenbilder, wie das auf dem rotfigurigen Stamnos von der Universität Würzburg als Vergleichsstück heranzieht, müssen in der rechten Hand des Harmodios und der linken Hand des Aristogeiton Schwerter ergänzt werden, die bei der Gruppe in Neapel durch den rekonstruierten Schwertknauf angedeutet werden (Washburn 1918, 151 Abb. 5). Das Vasenbild aus Würzburg ist die einzige bekannte Darstellung, auf der Hipparchos neben den beiden Tyrannentötern dargestellt wird. Aristogeiton tritt auf der linken Seite auf ihn zu und hat bereits seinen Dolch in die Seite des Tyrannenbruders gestochen, während Harmodios zum Hieb ausholt. Die Beteiligten sind zudem alle bekleidet dargestellt, im Gegensatz zu den nackt dargestellten Statuen. S. Brunnsåker bemerkte, dass bei der statuarischen Repräsentation nicht die Tötung des Hipparchos im Fokus liegen soll, sondern die Statuengruppe vielmehr als Symbol für die Vertreibung der Tyrannen verstanden werden muss, sowohl der vergangenen als auch der potentiell zukünftigen und Hipparchos daher bewusst nicht plastisch dargestellt ist (Brunnsåker 1971, 163 f.).

Des Weiteren werden die beiden Angreifer auf Panathenäischen Preisamphoren  dargestellt, von denen sich heute eine im British Museum befindet http://www.britishmuseum.org/research/collection_online/collection_object_details.aspx?objectId=398784&partId=1&searchText=athens&from=bc&fromDate=10000&to=ad&toDate=600&page=50, letzter Zugriff: 20.10.2018) (Abb. 2). Diese weist sowohl durch das Bild aber auch durch das Medium, auf dem dieses dargestellt ist, auf die Tat von Harmodios und Aristogeiton von 514 v. Chr. hin. Die Preisamphoren waren mit Öl gefüllt und wurden den Siegern der Panathenäischen Spiele als Preise überreicht (Azoulay 2017, 77). 

Ein weiteres Glanzstück, auf dem die Tyrannentöter rezipiert werden, stellt der ‚Elgin Thron‘ aus Athen dar, der sich heute in der Getty Villa in Malibu befindet (http://www.getty.edu/art/collection/objects/7141/unknown-maker-throne-greek-300-200-bc/?artview=dor649736, letzter Zugriff: 22.04.2018). Die Sitzgelegenheit ist aus Marmor gefertigt und in die Außenseiten der Armlehnen sind Theseus, der dabei ist eine Amazone zu erschlagen auf der linken Seite und die Tyrannentöter auf der rechten Seite, dargestellt. Somit werden zwei Szenen wiedergegeben, die unmittelbar mit Athen verbunden werden können: Zum einen die Vertreibung der Tyrannis und zum anderen Theseus, der die Amazonen bei ihrem Einfall in Athen stoppt.

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