Der Thermenherrscher

Ein weiteres Problem des Thermenherrschers stellt seine Benennung dar. Die meisten der zahlreichen Benennungsvorschläge lassen sich in eine von insgesamt vier Kategorien zusammenfassen, von denen jeweils zwei einander gegenübergestellt sind: Die Deutung als Bestandteil einer mythologische Gruppe oder als Einzelkomposition bzw. die Deutung der Figur als Grieche oder Römer. In Bezug zum Thema der Ausstellung sind jedoch vor allem jene Deutungsvorschläge von Interesse, bei denen der Thermenherrscher als Grieche gedeutet wird. In diesem Fall ist es am wahrscheinlichsten, dass es sich beim Thermenherrscher um Raubkunst handelt. Jedoch ist der Versuch der Identifizierung des Thermenherrschers nicht ganz unproblematisch. Üblicherweise werden Portraits mit Hilfe von Merkmalen wie der Haargestaltung, der Physiognomie, sowie zugehörigen Attributen oder dem fehlen derselbigen identifiziert (Lehmann 1996/97, 113). Zwei Aspekte sorgen insgesamt für Probleme bei der Identifizierung des Thermenherrschers. Zum einen das Fehlen eines Diadems, sowie zum anderen die Gestaltung des Bartes (Lehmann 1996/97; Schraudolph 2007, 231). Bereits für die ersten Identifizierungsversuche zog man Münzportraits hellenistischer Herrscher heran (Himmelmann 1989, 127), auf denen sie jedoch in der Regel mit einem Diadem dargestellt werden (Lehmann 1996/97, 114). Das fehlende des Diadems und die Gestaltung des Bartes, haben zu der Vermutung geführt, dass es sich beim sog. Thermenherrscher nicht etwa um einen hellenistischen Herrscher, sondern um einen römischen Feldherrn handeln würde (Lehmann 1996/97, 115; Zanker 2009, 15). Jedoch wurde zusätzlich eingewendet, dass die gleiche Art von Bart auch auf griechischen Bildnissen zu finden sei (Schraudolph 2007, 231). Anders als von einigen Forschern angemerkt, ist die Nacktheit der Figur kein Kriterium um eine Identifikation als Römer auszuschließen(Zanker 2006, 15; Schraudolph 2007, 231). Außerdem ist der Thermenherrscher nicht das einzige Bildwerk bei dem grundsätzlich eine Benennung als Grieche oder Römer in Frage kommt. Dieses könnte mit der Hellenisierung Roms in Zusammenhang stehen (Hölscher 1990, 73f.).
Bei den Vergleichen mit verschiedenen hellenistischen Herrscherbildnissen geriet für die Identifizierung des sog. Thermenherrschers immer wieder die Dynastie der Attaliden von Pergamon in den Fokus (Himmelmann 1989, 137. 141; Fröhlich 1994, 113; Gans 2006, 49). Jedoch wird die Identifizierung durch ein Phänomen der Repräsentationskunst der Attaliden erschwert. Anders als die anderen hellenistischen Dynastien zeigen die Münzprägungen stehts den Begründer der Dynastie und nicht den jeweils amtierenden Dynasten. Neben dem Begründer der Dynastie Philetairos wurde nur ein weiteres Mitglied auf einer Münze verewigt, Eumenes I. Auch sonst gibt es nur wenig sicher benennbare Attalidenbildnisse. Ebenfalls auffällig ist, dass sich vor allem Bildnisse von Eumenes II. und Attalos II. häufen. Außerdem ist eine Häufung von Portraitgruppen zu beobachten (von den Hoff 2011, 123). Im Bezug auf physiognomische Gemeinsamkeiten bei den Bildnissen von Familienangehörigen, gehen die Forschungsmeinungen auseinander (Fittschen 1991, 432; von den Hoff 2011, 126) Am häufigsten wurde der sog. Thermenherrscher als Attalos II. identifiziert (Himmelmann 1989, 137. 141). Das fehlen des Diadems könnte mit der Entstehung des Bildwerkes vor der Regentschaft des Attalos begründet werden (Schraudolph 2007, 231). Zudem weisen epigraphische Zeugnisse darauf hin, dass Attalidenbildnisse innerhalb von Statuengruppen nicht unüblich waren (von den Hoff 2011, 129). Leider lässt sich keine der Hypothesen zur Benennung anhand des aktuellen Forschungsstandes verifizieren, weshalb wir vorab mit der modernen Benennung als Thermenherrscher vorliebnehmen müssen. 

Literatur

Andreae 1998: B. Andreae, Schönheit des Realismus. Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik (Mainz 1988)
Fittschen 1991: K. Fittschen [Rez. zu] N. Himmelmann, Herrscher und Athlet. Die Bronzen vom Quirinal (Bonn 1989) [Rez. in] Gnomon 63 (1991) 428-435.
Fröhlich 1994: B. Fröhlich, Die statuarischen Darstellungen der hellenistischen Herrscher (Hamburg 1998)
Fuchs 1988: W. Fuchs, Gerhardt Krahmer; in: R. Lullies (Hrsg.), Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache (Mainz am Rhein 1988) 254-255.
Gans 2006: U. W. Gans, Attalidische Herrscherbildnisse. Studien zur hellenistischen Porträtplastik Pergamons (Wiesbaden 2006)
Himmelmann 1989: N. Himmelmann, Herrscher und Athlet. Die Bronzen vom Quirinal. Ausstellungskatalog Bonn (Mailand 1989)
Hölscher 2006: T. Hölscher, Klassische Archäologie. Grundwissen (Darmstadt 2006)
Hölscher 1994: T. Hölscher, Hellenistische Kunst und römische Aristokratie, in: G. Hellenkemper Salies (Hrsg.), Das Wrack. Der antike Schiffsfund von Mahdia 2 (Köln 1994) 875-888.
Hölscher 1990: T. Hölscher, Römische Nobiles und hellenistische Herrscher, in: Deutsches Archäologisches Institut (Hrsg.) Akten des XIII. Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie Berlin 24-30 Juli 1988 (Mainz am Rhein 1990) 73-84.
Krahmer 1923-24: G. Krahmer, Stilphasen der hellenistischen Plastik, RM 38-39, 1923-24, 138-185.
Lanciani 1888: R. Lanciani, Ancient Rome. In the light of recent discoveries (New York 1988)

Pollitt 1986: J. J. Pollit, Art in the Hellenistic Age (Camebridge 1986)
Ridgeway 2000: B. S. Ridgeway, Hellenistic Sculpture II. The Styles of ca. 200 – 100 BC (Madison 2000)
Schraudolph 2007: E. Schraudolph, Beispiele hellenistischer Plastik der Zeit zwischen 190 und 160 v. Chr., in: P. C. Bol (Hrsg.) Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst 3 (Mainz am Rhein 2007) 189-239.
Von den Hoff 2011: R. von den Hoff, Bildnisse der Attaliden, in: R. Grüßinger – V. Kästner – A. Scholl (Hrsg.), Pergamon. Panorama einer antiken Metropole, Ausstellungskatalog Berlin (Petersberg 2011) 122-130.
Zanker 2009: P. Zanker, Augustus und die Macht der Bilder (München 2009)