Der Thermenherrscher

Leider bleibt vieles in Bezug auf den sog. Thermenherrscher unklar. Sowohl die Benennung, die Datierung als auch die Herkunft des Stückes konnten bislang nicht hinreichend geklärt werden. Dieses schlägt sich vor allem in der großen Anzahl an Benennungsvorschlägen (Gans 2006, 48f.) und den ebenso vielen Datierungsvorschlägen vom 4. – 1. Jh. v. Chr. nieder (Lehmann 1996/97, 112; Ridgeway 2000, 305). Lediglich beim Herstellungsort herrscht weitestgehend Einigkeit. Vermutet wird, dass das Stück im östlichen Mittelmeergebiet entstanden sein muss und später nach Rom verbracht wurde (Gans 2006, 50). Aus dieser möglichen Verbringung aus dem östlichen Mittelmeerraum nach Rom resultiert auch der Bezug zum Ausstellungsthema. Da über die Verbringung der Statue nach Rom nichts weiter bekannt ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich beim Thermenherrscher um Raubgut handelt. (Lehmann 1996/97, 118). Es ist nämlich bekannt, dass im Rahmen des organisierten Kunstraubes durch die Römer zahlreiche Bildwerke, unter anderem auch Statuen, nach Rom gelangten (Hölscher 1994, 876f.).
Ein Problem des Thermenherrschers ist die ungeklärte Datierung, die aus einem grundlegenden Problem in der Klassischen Archäologie resultiert, dem Problem der Datierung von hellenistischer Plastik ganz allgemein. Während in den beiden vorhergehenden Kunstepochen eine Datierung anhand von Technik und Stilistik möglich war, ist dies für die hellenistische Plastik leider nicht so einfach. So kennzeichnet sich die Plastik der Archaik durch eine allmähliche Entwicklung zu einer naturalistischen Darstellung von Anatomie und Faltenwurf. Diese stringente Entwicklung lieferte zuverlässige Anhaltspunkte, mit Hilfe derer archaische Plastik datiert werden kann. Für die Klassik liefern dann Schriftquellen und Inschriften eine große Anzahl an Fixpunkten für die Datierung von Plastik, sodass anhand dieser die stilistische Entwicklung innerhalb der Periode nachvollzogen werden kann, wodurch eine Einordnung anhand einer stilistischen Analyse möglich wird. Für die hellenistische Plastik ist ein solches Vorgehen jedoch nicht möglich (Pollitt 1986, 265). Das liegt unter anderem an der geringen Anzahl fest datierbarer Stücke (Hölscher 2006, 214). Außerdem sind solche Stücke selten, die einzelnen, bekannten Künstlern zugewiesen werden können (Smith 2005, 17). Ein weiteres Problem stellt die Vielzahl zeitgleich existierender stilistischen Ausprägungen dar, wie zum Beispiel Barock, Rokoko, Neoklassizismus und Realismus. Zudem lassen sich Rückgriffe auf ältere Stile beobachten (Pollitt 1986, 265). Diese Entwicklungen unterscheiden sich zusätzlich, je nachdem in welchem „Kunstzentrum“ die Stücke entstanden sind. Zu diesen Kunstzentren gehörten Alexandria, Antiochia und Pergamon. Alle zuvor genannten Punkte machen eine Datierung anhand von stilistischen Merkmalen nahezu unmöglich (Hölscher 2006, 214). Daher ist es kaum verwunderlich, dass zurzeit nur ein allgemeines Konzept für eine Chronologie der hellenistischen Plastik existiert. Dieses stammt von dem Archäologen Gerhard Krahmer und wurde 1923/24 in den Römischen Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institutes unter dem Titel: „Stilphasen der Hellenistischen Plastik“ veröffentlicht (Krahmer 1923/24; vgl. Fuchs 1988, 254). Krahmer nahm dabei eine Einteilung der Plastik in drei Phasen vor. Den Frühhellenismus von 300 – 230 v. Chr., den Hochhellenismus von 230 – 150 v. Chr. und den Späthellenismus von 150 – 30 v. Chr. (vgl. Hölscher 2006, 215). Da dieses Konzept jedoch auf der Komposition einzelner Stücke beruhte und somit eine einheitliche Entwicklung voraussetzt, ist es dringend revisionsbedürftig (Pollitt 1986, 268; Hölscher 2006, 2015). In Ermangelung neuer Vorschläge wird jedoch immer noch auf die Einteilung Krahmers zurückgegriffen. Auch die meisten Datierungsversuche im Bezug auf den Thermenherrscher basieren auf stilistischen Merkmalen (Fittschen 1991, 432).